Die Herausforderungen der Tourismusbranche erkennen und heute an Lösungen für morgen arbeiten

Sicherung der Investitionstätigkeit | Mitnahmeeffekte waren einmal – Förderungen werden essentiell
Wenn Förderungen bislang eine Investition erleichtert haben, werden künftig investive Maßnahmen ohne Förderungen gar nicht mehr möglich sein. Banken werden geringere Risikobereitschaft zeigen und Regulatorien werden die Finanzierung von ratingschwachen Branchen sehr erschweren oder sogar verunmöglichen. Auch die bevorstehende Zinsentwicklung wird die Aufnahme kommerzieller Finanzierungen wenig attraktiv machen. Langfristig zinsfreie risikotragende Finanzierungen – schon jetzt das Credo der ÖHT – werden weiter an Bedeutung gewinnen.

Stärkung des Eigenkapitals | Finanzierung mit Mehrwert
Die Forderung nach mehr Eigenkapital im Tourismus ist verständlich – mehr als ein Drittel unserer Unternehmen haben eine negative EK-Quote. Aber zu glauben, dass uns jenes Eigenkapital, das Investoren & Banken bereitstellen, helfen wird, ist naiv. Verzinsungen jenseits von 10% – Kontroll- und Mitspracherechte – nein danke! Was wir brauchen, sind eigenkapitalähnliche Finanzierungsformen – gefördertes „Quasi-Eigenkapital“ ohne Verkomplizierung der Gesellschaftsstruktur – ein Beispiel: geförderte Crowdfinanzierungen. Bund/ÖHT haften und die Länder stellen über Förderungen garantierte Mindestrenditen bereit. So ziehen wir Crowdmittel in die Branche und generieren gleichzeitig Umsatzbringer, denn wer in ein Unternehmen investiert, will es auch erleben.

Der Tourismus insgesamt und die Hotellerie im Speziellen sehen sich in einer Intensität wie nie zuvor mit Herausforderungen konfrontiert, die es für manche Unternehmen durchaus „eng werden lassen“. Hier nur auf die pandemiebedingten Probleme zu fokussieren, ist viel zu kurz gegriffen. Wir brauchen klare Strategien für eine erfolgreiche Zukunft und dafür, unseren Tourismus stabiler und noch bunter werden zu lassen. Auch die Unterstützungen der öffentlichen Hand müssen neu gedacht werden. In den für das erste Quartal 2023 zu erwartenden neuen Richtlinien für die betriebliche Tourismusförderung des Bundes müssen neue Schwerpunkte gesetzt werden und muss der Mut entwickelt werden, mit Förderungen auch wirtschaftspolitische Lenkungsprozesse auslösen zu wollen.

Mag. Wolfgang Kleemann, Generaldirektor der ÖHT

Fachkräftemangel | Wir haben zu wenig Fachkräfte
Fachkräfte wandern aus dem Tourismus in andere Branchen ab – oder sie bleiben im Tourismus, gehen aber in unsere Nachbarländer. Die Schweiz hatte z.B. noch nie so wenig Mitarbeiterprobleme wie jetzt – viele Stellen besetzt durch bestausgebildete MitarbeiterInnen aus Österreich. Die Entwicklung von Mitarbeitermotivations- und -bindungsprogrammen ist Thema der heurigen Innovationsförderung – bis zu 70 % Zuschuss erhalten Kooperationen, um derartige Maßnahmen zu entwickelt. Wir können da aus anderen Branchen viel lernen – wagen wir den Blick über den Tellerrand hinaus!

Nachfolge & Übernahme | …. aber wir haben auch zu wenig junge UnternehmerInnen
Große Immobilienkonzerne und Hotelketten greifen nach österreichischen Tourismusbetrieben, zunehmend auch im Ferientourismus, weil die Bereitschaft der Nachfolgegeneration zur Übernahme fehlt. Die Jungunternehmerförderung ist seit 20 Jahren erfolgreicher Bestandteil der TOP-Tourismusförderung und wir haben mit ihr bereits 2.212 UnternehmerInnen am Weg in die Selbständigkeit begleitet. Dass sie auch 9.418 Arbeitskräfte eingestellt haben, zeigt die beschäftigungspolitische Bedeutung dieser Förderaktion. Trotzdem gehört die Förderung neu gedacht
und erweitert, weil wir künftig auch zur Sicherung der innerfamiliären Nachfolge etwas tun müssen. Wir brauchen eine begeisterte nächste Generation, um die Erfolgsstory unseres Tourismus weiterschreiben zu können.

Ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit | Nachhaltigkeit über alles
Ökonomische und soziale Nachhaltigkeit sind letztlich Konsequenzen aus den dargestellten „Waben“. Die schönste Form der Nachhaltigkeit – weil sowas wie die DNA des österreichischen Lebensstils – ist dann aber die ökologische Nachhaltigkeit. Haben wir nicht bei uns die besten Produkte, die spannendsten Lebensmittel, die engagiertesten Landwirte und Winzer? Holen wir das doch alles in unser Tourismus-Boot und vernetzen es im Sinne eines „Gesamtkunstwerkes“ für den Gast, für die Menschen, die in den Regionen leben und für uns selbst. Auch hier muss ein künftiges Fördersystem unterstützen. Basisförderung ist der schon genannte risikotragende langfristig unverzinste Kredit und als „Top-up“ eine Prämie, die zusätzlich Anreize für regionale Vernetzung schafft. Eine „Förderstrategie 2.0“ zum Comeback des heimischen Tourismus.